Wenn Fachwissen auf Dialogverweigerung trifft: Prof. Buschinger und der Ameisenhandel

Ich halte Ameisen seit über 15 Jahren. In dieser Zeit habe ich viel über die Szene gelernt. Über Arten, über Haltung, und über die Community. Und über eine Figur, die in deutschsprachigen Ameisenforen immer wieder auftaucht: Prof. Dr. Alfred Buschinger, emeritierter Myrmekologe der TU Darmstadt, langjähriger Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Ameisenschutzwarte (DASW), und unter dem Forennick „Merkur“ aktiv im Ameisenportal (AP). Heute postet er mit Abstand am meisten als „Soildwellerqueen“ im Discord „Ameisen an die Macht“, oft mehrmals täglich.

Eines gleich vorweg: Das hier ist kein persönlicher Angriff. Buschingers wissenschaftliche Leistungen in der Myrmekologie sind real und anerkannt, besonders zur sozialen Parasitologie bei Ameisen (also dem Phänomen, dass manche Ameisenarten in den Nestern anderer Arten schmarotzen). Mir geht es um etwas anderes. Es geht um ein Argumentations- und Kommunikationsmuster, das sich über mehr als zwei Jahrzehnte durch seine öffentlichen Beiträge zieht. Und das ich für problematisch halte, gerade weil er als Fachmann so viel Autorität in der Szene besitzt.

Die Kernthese: Exoten-Import als Naturschutzgefahr

Buschinger warnt seit 2004 vor den Risiken des Imports exotischer Ameisenarten nach Deutschland. In zwei Veröffentlichungen (Myrmecologische Nachrichten, Band 6) benennt er vier konkrete Gefährdungsszenarien:

  • Biologische Invasion: eingeschleppte Arten verdrängen einheimische.
  • Übertragung exotischer Parasiten und Krankheitserreger auf heimische Ameisen.
  • Intraspezifische Homogenisierung: Lokalrassen einer Art verlieren ihre genetische Anpassung, weil sie sich mit importierten Tieren derselben Art vermischen.
  • Etablierung neuer Schadameisen in Gebäuden und Gärtnereien.

Diese Risiken sind grundsätzlich nicht aus der Luft gegriffen. Invasive Ameisenarten wie die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta) in den USA oder die Argentinische Ameise (Linepithema humile) im Mittelmeerraum sind reale ökologische Probleme. Beide kamen über Frachtschiffe und Pflanzentransporte, nicht über Hobbyhalter. Das Vorsorgeprinzip, das Buschinger einfordert, ist im Naturschutz ein anerkannter Ansatz.

Soweit, so nachvollziehbar.

Über 20 Jahre später: Wo sind die Schadensfälle?

Hier fängt mein Problem mit seiner Argumentation an.

Buschingers erste Veröffentlichung erschien 2004. Seitdem ist der Ameisenhandel in Deutschland und Europa massiv gewachsen. Mehr Shops, mehr Arten, mehr Halter, mehr Importe aus aller Welt. Wenn seine Risikoeinschätzung korrekt gewesen wäre, hätten wir inzwischen Belege sehen müssen.

Es gibt sie nicht.

Kein einziger dokumentierter Fall, in dem eine durch einen Hobbyhalter eingeschleppte Ameisenart sich dauerhaft im Freiland Deutschlands oder Mitteleuropas etabliert hätte. Das ist kein Argument aus der Luft. Das ist ein empirischer Befund nach über zwei Jahrzehnten.

Noch stärker wiegt ein anderes Beispiel. Botanische Gärten und Zoos bieten tropischen Ameisenarten seit Jahren beste Bedingungen, um zu entkommen. Die Kolonien sind groß und etabliert, die Tiere laufen in Gewächshäusern frei herum, und im Sommer ist der Zugang nach draußen oft offen. Das sind viel günstigere Bedingungen als beim Hobbyhalter mit seinem geschlossenen Formikarium. Und trotzdem: keine dauerhaften Freilandpopulationen nördlich der Alpen.

Die entscheidende Barriere ist offensichtlich biologischer Natur. Klima, fehlgeschlagene Koloniegründung, fehlende passende Ressourcen. Es ist nicht das Verantwortungsbewusstsein der Halter, wie Buschinger immer wieder andeutet.

Ein Wissenschaftler sollte nach über 20 Jahren ohne Bestätigung seiner Hypothese die Risikoeinschätzung anpassen. Das ist nicht passiert. Im Gegenteil: 2025 hat er im Discord „Ameisen an die Macht“ noch einmal ausdrücklich bestätigt, dass er nach wie vor genauso dazu steht.

Die „BR Schilda“-Rhetorik

Buschingers Beitrag von 2006 trägt den Titel „Ameisen-Handel und Naturschutz in der BR Schilda“. Er beginnt mit einer langen Parabel: Deutschland als trottelhafte Gemeinde, die beim Hausbrand erst Ausschüsse bildet statt zu löschen. Behörden, NABU, Bundesumweltministerium, alle zu langsam oder zu bürokratisch, um die offensichtliche Gefahr zu sehen.

Das Stilmittel ist wirkungsvoll. Aber es setzt von Anfang an einen Ton: Wer nicht zustimmt, ist wie ein Schildbürger. Sachliche Gegenargumente sind damit schon vorab abgewertet.

Durch diesen Beitrag und alle späteren Forenposts zieht sich dasselbe Muster:

Behörden fordern Belege? Unmöglich, diese zu liefern, ohne vorher Schaden zuzulassen. Also muss man auf Vorsorge bestehen. Das ist als Prinzip nicht falsch. Aber das Vorsorgeprinzip braucht trotzdem eine Risikoabschätzung, keine bloße Behauptung von Risiken.

Der NABU widerspricht? Seine Argumente sind „entwaffnend naiv“, die Gegenseite unfähig zur sachlichen Diskussion.

Händler reagieren nicht auf Dialog? Das liegt natürlich nur an deren Uneinsichtigkeit. Nicht daran, dass Buschinger nach eigenem Eingeständnis für viele das „sprichwörtliche rote Tuch“ geworden ist.

Der „Runde Tisch“ von 2006: Wer hat den Dialog verweigert?

Buschinger verweist in späteren Beiträgen gerne auf einen „Runden Tisch“-Thread, den er im Januar 2006 im Antstore-Forum eröffnet hat. Als Beleg dafür, dass die Händlerseite zum Dialog nicht bereit war.

Wer den Thread liest, bekommt ein anderes Bild.

Er eröffnet ihn unter dem Nick „earlant“ mit einem langen, nummerierten Positionspapier. Der Aufbau wirkt sachlich, die Forderung ist aber von Anfang an festgelegt. Keine Diskussion darüber, ob die Risiken real sind, nur darüber, wie man sie eindämmt. Kompromissbereitschaft ist damit strukturell ausgeschlossen.

Was dann passiert, ist bemerkenswert. Uta vom Antstore-Team reagiert offen und konstruktiv. Mehrere Forenmitglieder machen konkrete Gegenvorschläge: Nachzuchten statt Wildfänge, Informationsblätter für Käufer, Quarantäne, eine neutrale Arbeitsgruppe aus Haltern, Händlern und Wissenschaftlern. Das sind keine Ablenkungsmanöver. Das sind echte Kompromissversuche.

Buschingers Reaktion darauf? Der Nachzucht-Vorschlag wird nicht aufgegriffen, sondern mit dem Hinweis abgetan, dass er als DASW-Mitglied keine wirtschaftlichen Interessen verfolge und solche Grundlagen nicht erarbeiten werde. Im Klartext: Die Gegenseite soll die Lösung selbst finanzieren und entwickeln, er beteiligt sich inhaltlich nicht.

Der Drogenvergleich taucht übrigens schon hier auf. 2006, nicht erst 2015. Halter seien „ant addicts“, und er selbst „ziehe sein Cannabis selbst heran“, sprich, er sammle und züchte seine Tiere selbst. Das klingt nach Selbstironie, ist aber eine Hierarchisierung. Sein eigener Umgang mit Ameisen ist legitim, der der Käufer nicht.

Ein User fasst am Ende nüchtern zusammen, was er nach langer Diskussion mit Buschinger festgestellt hat: „keinerlei Willen für einen Kompromiss.“ Das ist keine Feindseligkeit. Das ist eine sachliche Beobachtung.

Der „Runde Tisch“ blieb unrund. Aber nicht, weil die Händlerseite nicht erschienen wäre. Der wichtigste Händler hat sich tatsächlich nicht beteiligt, das kann man kritisieren. Aber die anderen Stimmen waren da, sie haben Vorschläge gemacht, und eine konstruktive Antwort haben sie nicht bekommen.

Die Pseudonyme: earlant, Merkur, AfroIV, derameisige, antguy, Soildwellerqueen

Jetzt wird es richtig interessant.

Als Buschinger 2007 das Antstore-Forum verließ, schrieb er als „earlant“ einen Abschiedspost:

„Meine Tätigkeit in diesem Forum, wissenschaftlich korrekte Information zu liefern, Risiken der Ameisenimporte und -Haltung aufzuzeigen sowie das Nachdenken über den Sinn von ‚Zubehör‘ zu fördern usw., hat mich viel Zeit gekostet. Das Ergebnis steht in keinerlei Relation zum Aufwand. […] Bahn frei also für Importe exotischer Ameisen, Verkauf an Minderjährige, Verbreitung von falschen Informationen über Ameisen […] Ich mag nicht mehr!“

Der Ton ist typisch. Letzter Auftritt als Märtyrer, der gegen eine Welt von Unvernünftigen gekämpft hat. „Betreffende werden wissen, wen ich meine“, natürlich ohne Namen zu nennen. Der Hinweis auf „Verkauf an Minderjährige“ ist dabei reine Dramatisierung. Niemand im Forum hat je dafür plädiert.

Kurz darauf postete jemand mit dem Nick „Merkur“ im Ameisenforum einen Hinweis auf diesen Abschied, inklusive Link, und schrieb dazu: „Wundert mich, dass das bisher hier keiner bemerkt hat? Schade, aber anscheinend unvermeidlich und endgültig, und auch irgendwie verständlich.“

Das Problem: Merkur war Buschinger selbst. Er hat seinen eigenen Abgang unter anderem Namen kommentiert, als wäre er ein unbeteiligter Beobachter, der den Verlust bedauert.

Das fiel damals kaum jemandem auf. Erst 2010 wies ich im selben Thread darauf hin, was passiert war. Buschinger hatte unter „Merkur“ nicht nur seinen eigenen Abgang kommentiert, sondern auch Werbung für das Ameisenwiki gemacht und dabei Buschinger, also sich selbst, als „äußerst fachkundigen erfahrenen Schreiber“ gelobt. Sich selbst die Bälle zuspielen, unter Pseudonym, in einem öffentlichen Forum.

Das Muster setzt sich bis heute fort. Im Ameisenforum ist er als „AfroIV“ seit einigen Jahren wieder aktiv. Im Antstore-Forum tritt er als „derameisige“ auf, dort trat er lange unter einer Persona auf, die mit einem emeritierten deutschen Professor wenig gemeinsam hatte. Und im Discord „Ameisen an die Macht“ ist er aktuell als „Soildwellerqueen“ unterwegs, wo er dasselbe Spiel fortsetzt.

Das wirft ein bezeichnendes Licht auf einen Mann, der in seinen Beiträgen immer wieder die Anonymität anderer kritisiert. Während er selbst unter einer ganzen Reihe von Nicks unterwegs ist und sich dabei gelegentlich selbst zustimmt.

Transparenz für andere. Anonymität für sich selbst.

Das Ameisenportal: Echo-Kammer mit Bannrecht

Nach dem Kauf des Ameisenforums durch Antstore zog sich Buschinger mit einigen Moderatoren ins selbst gegründete Ameisenportal zurück. Dort ist er als „Merkur“ aktiv, mit über 3600 Beiträgen und dem Status eines Beirats.

In einem Forum, in dem man als Gründer Leute bannen lassen kann, entwickelt sich Kritik naturgemäß anders als in offenen Räumen. Was besonders auffällt: Mehrere Moderatoren halten selbst exotische Ameisen, stimmen Buschingers Verurteilung des Exotenhandels aber brav zu. Das ist keine inhaltliche Überzeugung. Das ist Ingroup-Dynamik, also das Verhalten einer geschlossenen Gruppe, in der man dem Anführer zustimmt, um dazuzugehören.

Die ersten zwei Jahre nach der Gründung war das AP tatsächlich sachlicher und offener. Solange die Plattform noch aufgebaut werden musste, waren die Ausfälle seltener. Sobald die Community gesichert war, kehrte das alte Muster zurück.

Heute ist das Ameisenportal praktisch tot. Es gibt so gut wie keine neuen Beiträge mehr. Und Buschinger selbst postet kaum noch dort, sondern fast nur noch im Discord „Ameisen an die Macht“ und gelegentlich im Ameisenforum. Ob ihm das eigene Forum zu langweilig geworden ist, weil niemand mehr da ist, dem man widersprechen könnte? Ich weiß es nicht. Aber es passt ins Bild: Eine Echo-Kammer funktioniert nur, solange noch jemand drin sitzt.

Der Ton: Von Kritik zur Verachtung

In den Forenbeiträgen vom September 2015 wird die Sprache dann sehr deutlich. Halter, die Händler verteidigen, vergleicht er mit „Süchtigen, die nichts auf ihre Dealer kommen lassen“. Den gesamten Ameisenhandel bezeichnet er als „weltweiten, seelenlosen Massenmarkt“. Hobbyhalter betreiben „kindlich-naive Versuche“. Das Hobby selbst ist ihm ein „Greuel“.

Das schreibt jemand in einem Ameisenhalter-Forum. An Menschen, die Ameisen halten.

Gleichzeitig beteuert er im selben Thread, er sei „durchaus auf der Seite der Hobby-Ameisenhalter“. Das ist schwer vereinbar. (Milde ausgedrückt.)

Als ein Moderator höflich aber klar auf den Ton hinweist, antwortet Buschinger mit „Falls ich missverstanden wurde, bitte ich vorab um Entschuldigung“ und macht dann exakt weiter wie zuvor. Das ist keine Kurskorrektur. Das ist Schadensbegrenzung.

Fazit

Buschinger hat ein reales Thema angesprochen. Biologische Invasionen durch Ameisen sind ein globales Problem, und die Frage nach dem Hobbyhandel war 2004 durchaus berechtigt.

Sein Irrtum war, den Hobbyhalter als Hauptvektor zu identifizieren. Ohne empirische Grundlage, und ohne seine Einschätzung nach über zwei Jahrzehnten fehlender Bestätigung anzupassen.

Sein zweiter Irrtum war kommunikativer Natur. Wer andere überzeugen will, kann nicht gleichzeitig ihr Hobby als Greuel bezeichnen, sie mit Drogenabhängigen vergleichen und jeden Widerspruch als Dummheit deuten. Und wer Anonymität anprangert, sollte nicht selbst unter fünf verschiedenen Nicks auftreten.

Das Ergebnis: Ein Wissenschaftler mit echtem Fachwissen hat sich selbst aus einer Diskussion herausmanövriert, in der er hätte nützlich sein können. Und die Szene hat legitime Naturschutzfragen deshalb oft nicht ernst genug genommen. Einfach, weil der Überbringer so anstrengend war.

Das ist die eigentliche Tragik an der Geschichte.


Habt ihr Buschinger in Foren selbst erlebt, unter welchem Namen auch immer? Schreibt es in die Kommentare.

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