Kunst an der Wand: Warum Ameisen Ölfarbe fressen und Fraktale hinterlassen

Hallo Ameisenfreunde,

im Netz stolpert man ja immer wieder über kuriose Videos und Bilder von Ameisen. Meistens sind es spektakuläre Jagdszenen oder riesige Ameisenstraßen. Aber vor ein paar Tagen habe ich auf Reddit einen Post gesehen, der mich wirklich fasziniert hat – nicht wegen der Action, sondern weil das Muster, das diese Tiere hinterlassen haben, einfach unglaublich interessant ist.

Der User Reddit-User I-own-a-shovel hat in der Dominikanischen Republik eine Entdeckung gemacht, die auf den ersten Blick wie moderne Kunst oder ein seltsames Gewächs aussieht. Dankenswerterweise habe ich die Erlaubnis bekommen, das Bild hier im Blog zu teilen.

Schaut euch das mal an:

Ameisen (vermutlich Solenopsis geminata) verursachen ein fraktales Muster an der Hauswand, indem sie teile der Wandfarbe abfressen.
Ameisen erzeugen ein fraktales Muster an der Wand; Bildquelle: u/I-own-a-shovel via Reddit.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier wächst ein Pilz oder es hätten sich Eiskristalle gebildet. Tatsächlich sind das aber die Fressspuren von Ameisen auf einer mit Ölfarbe gestrichenen Wand.

Wer sind die Künstler?

Auch wenn man anhand des Fotos nicht bestimmen kann, um welche Art es sich genau handelt, ist das Verhalten dieser Ameisen eindeutig.

In der Ameisenhaltung konzentrieren wir uns oft stark auf Zuckerwasser (Kohlenhydrate) und Insekten (Proteine). Dabei vergessen wir leicht, dass Fette für viele Arten ein extrem wichtiger Bestandteil der Ernährung sind. Gerade opportunistische Arten (Gattungen: Monomorium, Pheidole, Solenopsis, Tetramorium u. a.) stürzen sich regelrecht auf ölhaltige Sämereien oder Nüsse.

Das beobachtete ich auch schon bei verschiedenen gehaltenen Arten. Ob Solenopsis fugax oder Pheidole pallidula – sie und andere nehmen neben Insekten unglaublich gerne Walnuss-Stückchen oder ähnliche fetthaltige Nahrung an. Für die Kolonie sind diese Fette wahre Energiebomben.

Und genau das passiert hier an der Wand: Sie wurde vermutlich mit einer Farbe auf Ölbasis gestrichen (oft mit Leinöl). Für uns riecht das einfach nach „Farbe“, für die Ameisen riecht die Wand wie eine riesige, vertikale Nuss, die nur darauf wartet, geerntet zu werden.

Die Mathematik hinter dem Muster

Was ich persönlich aber am spannendsten finde, ist die Form, die dabei entsteht. Warum fressen sie kein einfaches Loch? Warum dieses verästelte, blitzartige Muster?

Wir sehen hier ein perfektes Beispiel für das, was man in der Physik DLA (Diffusion Limited Aggregation) oder dendritisches Wachstum nennt. Es funktioniert so:

  1. Die Ameisen finden eine kleine Schwachstelle in der Farbe, einen Riss oder ein kleines Loch.
  2. Sie beginnen dort zu fressen und legen die darunterliegende Schicht frei.
  3. Durch Pheromone werden andere Arbeiterinnen angelockt. Da es einfacher ist, am Rand des bereits bestehenden Lochs weiterzufressen („Weg des geringsten Widerstands“), breitet sich der Fraßgang organisch aus.

Ähnliche Muster finden wir überall in der Natur: bei Blitzen, bei Flussdeltas oder wenn Frost sich auf einer Fensterscheibe ausbreitet. Es ist faszinierend zu sehen, dass Ameisenkolonien, wenn sie eine flächige Ressource abbauen, fast denselben mathematischen Gesetzen folgen wie ein physikalischer Prozess.

Es ist ein schönes Beispiel für emergentes Verhalten: Keine einzelne Ameise hat den Plan, einen „Blitz“ in die Wand zu malen. Aber durch das Zusammenspiel der Kolonie entsteht dieses komplexe, fraktale Kunstwerk.

Habt ihr so etwas im Urlaub oder sogar zu Hause auch schon mal beobachtet? Schreibt es mir gerne in die Kommentare!

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